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Baderlada al fö - der Ursprung

28. Februar 2026

Seit Dezember 2023 lade ich Persönlichkeiten ein, am Kamin-Feuer über ihr Leben zu erzählen. Wie es dazu kam, hier der Ursprung…

Meine Nona, Olga (Ghilotti Knapp Pedretti), hat mich sehr geprägt. Ihre Demut dem Leben gegenüber und ihre Grosszügigkeit waren ihre tiefe Essenz und mit ihrer liebevollen Strenge hatte sie uns Kinder in unserer Wildheit bei unseren Besuchen bei ihr in Scuol jeweils sanft gezähmt.

Über Jahre hatte sie das Hotel Üja | Traube in Scuol geführt zu einer Zeit, in der es Wäscheschleudern gab und keine Tumbler. Ihr Körper wurde sehr gefordert von der heiss-feuchten Umgebung der Küche und der Wäscherei im Wechsel des kalt-trockenen Klimas des Unterengadiner Winters. Es war schwerste Körperarbeit, die noch sehr feuchten Leintücher und Wäsche der Hotellerie hinauf in den Estrich zu tragen und dort aufzuhängen. Im Winter gefroren die Textilien sofort und trockneten durch  Sublimation. Nur Räume, in denen man sich tagsüber aufhielt, wurden gewärmt. So war das Wasser in der Schale im Schlafzimmer, das zur Morgenwäsche bereit stand, jeweils morgens im Winter von einer feinen Eisschicht überzogen.

Dort wo meine Erinnerung langsam klarer wird, hatte meine Nona bereits die Üja ihrem Sohn und seiner Frau übergeben und war in die Dependance Plazöl gezogen. Meine Schwester und ich waren jeweils eine Woche bei unserer Nona in den Ferien, meist um Chalandamarz rum.

Starke rheumatische Schmerzen ermöglichten unserer Nona nur noch kurze Spaziergänge, doch diese waren stets mit Freude verbunden. Nona bekochte uns von Herzen, hielt sich selber jedoch zurück. Da sie mit dem Gewicht zu kämpfen hatte, legte sie sporadisch einen Früchteabend ein, bei dem sie nur Früchte ass, was dazumal nicht als klassische Mahlzeit galt. Wir Kinder konnten sie überzeugen, dass auch wir mit ’nur‘ Mandarinli-, Birnen- und Apfelschnitzli satt wurden. An diesen Abenden, nicht am Herd beschäftigt, sondern am Tisch sitzend, Früchte zubereitend und Nüsse knackend, erzählte sie uns besonders viel aus ihrem Leben.

Ihre Geschichten gingen tief. Lebensnah, authentisch, wertefrei, aus erster Quelle, faktisch klar und doch gefärbt durch die Emotionen ihrer Stimme, ihres Gesichts, ihrer Gestik.

Als Kind hatte sie oft ihre kleinen Geschwister gehütet. Eines Tages so auf der Wiese, auf der auch die Kühe weideten. Es kam, dass eine Kuh die rote Wollmütze ihres kleinen Bruders gefressen hatte. Olga getraute sich nicht, ohne sie wieder nach Hause zurück zu kehren. Sie liess die Kuh nicht aus den Augen, in der Hoffnung, dass die Strickmütze unverdaut hinten wieder die Kuh verlassen würde und sie sie dann waschen und nach Hause bringen konnte.

Später als Hotelière des Hotels Traube zur Zeit des zweiten Weltkriegs, waren die Lebensmittel stark rationalisiert und die Gäste mussten Lebensmittelmarken abgeben, um Mahlzeiten zu erhalten. Um den Gästen zusätzlich etwas bieten zu können, hatten sie in der Küche x-mal die Rohmilch abgeschöpft, um aus dem Rahm zusätzliche Butter herstellen zu können. Die sorgsam gewonnene Köstlichkeit, hatten sie auf den Fenstersims gestellt, um sie zu festigen, denn es war Winter. Der Hunger trieb jedoch einen Hund herbei, welcher das ganze Stück verzehrte. Es war ein Disaster. Für uns Kinder dazumal war schwer vorstellbar, was dies hiess. Doch die Lippen unserer Nona zusammengepresst, ihre Hände in Gebetshaltung vor der Brust gefaltet, ihre Stirne in Runzeln, liessen uns spüren, was es dazumal bedeutete.

Die Liebe, von Erfahrungen anderer Menschen lernen zu dürfen, findet da ihren Ursprung. Tiefes Vertrauen der Erzählenden und meinerseits ein grosser Respekt geht damit einher.

Hier ein kurzer Rückblick, wen ich schon an einer meiner ‚Baderladas al fö‘ begrüssen durfte…

– Nicole Naue, Hüttenwartin Chamanna Cluozza, im Gespräch über Nachhaltigkeit mit René Stoye, Leiter Belvedere Hotel Familie Scuol. ‚Was eine einfache Hütte mitten im Nationalpark und ein Sternehotel am Stradun verbindet‘
– Snowboardlegende Cla Mosca- Wie man Weltmeister wird und sein Potential entfaltet
– Fotograf Dominik Täuber – Kontraste vom Leben im Engadin und Reisen nach Afghanistan und dem Iran
– Geologe Matthias Merz e wasserista Gian Luis Cagienard – Aua – Wasser
– Walter Erni – 35 Jahre Pendicularas als Pisten- und Rettungschef, Bergretter und Lawinenhundeführer

Am Donnerstag darf ich Beat Schellenberg im Hotel Üja in Scuol begrüssen. Unter dem Titel ‚Aram Seelig erzählt aus seinem Leben als langjähriger Apotheker in Pontresina – Sind Kunden wirkliche Könige? Was, wenn die Diva nach … fragt? Und darf man um Autogramme bitten?‘

Die Gastgeberorte bieten ihren Platz kostenlos an, die Gäste erzählen ebenfalls ohne Gage. Füreinander miteinander. Das ist das Konzept.

Falls jemand Gastgeberort sein oder jemand aus seinem Leben erzählen möchte, schreib mir direkt. Ich freue mich. Herzlichst Martina